Fernando Martínez Heredia über den kubanischen Sozialismus

Es folgt meine Übersetzung eines Vortrags  von Fernando Martínez Heredia vor Mitarbeitern und Studenten der Universität der Informationswissenschaften vom 11.03.2014. Die Originalpublikation findet sich auf dem Blog dialogar, dialogar.


Fernando Martínez Heredia

(*1939, Doktor der Rechtswissenschaften, Professor für Philosophie an der Universität Havanna, Sozialwissenschaftler, Essayist, Historiker)

Die Direktorin Miriam hat mich freundlicherweise in eine Informationsveranstaltung über die UCI [Universität der Informationswissenschaften] für Journalisten eingeladen. Diese ist absolut interessant für mich, aber andererseits habe ich mich betroffen gefühlt, als ich hörte, dass Sie mich schon seit um Zehn erwarten. Gut, wir wissen, dass diese Dinge Teil des Lebens sind.

Der Fragebogen , den mir Juan Manuel für unser Zusammenkommen überreicht hat, bräuchte zwei Sitzungen, um ihn abzuarbeiten. In einer geht es nicht. Das ist überaus ehrgeizig, darum gefällt es mir. Aber wir werden einen Teil verschieben müssen, und später fortsetzen, vielleicht so, wie die alten Gewerkschaften es sagten: wir deklarieren uns als permanente Sitzung. Dieses Mal, da wir nur noch wenig Zeit haben, werde ich die Probleme behandeln, zusammenfassen und ich werde auch nachlässig sein müssen.

Die erste Frage lautet: Warum sprechen wir von einem Kubanischen Sozialismus und welche Schicksalsschläge hat er erlitten? Eine zweite Frage: Wenn Sozialismus aufbauen Abfolge und Gleichzeitigkeit von Revolutionen und kulturellem Wandel bedeutet, so wie ich denke, welche Wesenszüge müssen während dieses Prozesses bewusst gemacht werden? Und in der Aktualität: Geht diese Arbeit voran? Kommt sie wirklich bei den Menschen an? Wie kann der Bewusstwerdungsprozess wieder belebt werden? Ich habe den Eindruck, dass der Fragende glaubt, dass es nicht gut läuft, weil er von wiederbeleben spricht. Die dritte Frage: Welche Art Sozialismus sollen wir Ihrem Urteil nach aufbauen? Die vierte und fünfte Frage: Nehmen wir es als etwas unmögliches an, eine Gesellschaft aufzubauen, die gleicher ist? Was versteckt sich hinter der mehrheitlichen Kritik am Egalitarismus? Und eine Frage bleibt noch: Wie können die Medien die Bewusstwerdung und positive Veränderung der Kubanischen Gesellschaft unterstützen? Außerdem die Forderung nach Präsenz der Intellektuellen und der Kultur in den Medien.

Unter anderem ist es einer meiner Defekte, Marxist zu sein. Ich glaube, so wie der junge Karl Marx im kommunistischen Manifest, dass die Kommunisten sich von anderen Revolutionären darin unterscheiden, dass sie immer die Bewegung als Ganzes sehen und nicht nur einen Teil davon. Dies verlangt also, zu versuchen ein vollkommenes Verständnis der Gesamtheit zu erreichen, ohne dass es darum ginge, uns in Weise zu verwandeln; wie Friedrich Engels es sagte, geht es nicht darum Bücher zu schreiben, die Regale füllen, es geht um den revolutionären Kampf. Oder anders gesagt geht es darum, effektiv die Probleme im Detail zu bearbeiten, es geht um konkrete Dinge. Die Konzepte, mit denen man nicht arbeiten kann, taugen nicht. Auch wenn sie schön klingen, auch wenn sie modern sind. Darum habe ich eine historische Einführung in den revolutionären Prozess seit 1959 mitgebracht, denn es ist unmöglich die Aktualität zu verstehen, wenn man diesen Prozess außer Acht lässt. Aber es ist nicht genug Zeit um sie zu vorzutragen und das ist ein großer Missstand, welcher meinen gesamten Vortrag erschwert.

Das aktuelle kubanische Problem kann man nicht nur von Seiten der Konjunktur angehen. Die Konjunktur ist durch die Gesamtheit der letzten 55 Jahre bestimmt. In gewisser Hinsicht ist sie durch Ereignisse in bestimmten Jahren, wie 1961-1962 oder 1989-1992, und andererseits durch die Zeiten des Moncada-Angriffs, durch jene der bürgerlichen, neokolonialen Republik des 20. Jhd., und selbst durch das 19.Jhd. bestimmt. Die Revolution von 95 [Anmk. d. Ü. : 1895 – Beginn des kubanischen Unabhängigkeitskrieges] war das große Epos, welches die Kubaner geschaffen hat, und auch wenn die Menschen hier sich all zu sehr verärgern, sie folgen doch begeistert der Nationalhymne. Die Leuten können vollkommen verärgert sein, aber sie folgen dennoch der Flagge Kubas. Als Einige, während der Diskussionen um das Projekt der Verfassung von 1976, den Namen des Landes ändern wollten, um es Sozialistische Republik Kuba zu nennen, wurde der Vorschlag in sämtlichen Versammlungen abgeschmettert, wo er eingebracht wurde. Kuba ist kommunistisch, wurde gesagt, aber es heißt Republik Kuba.

Anders gesagt, wenn wir nicht die kulturgeschichtliche Akkumulation des Landes in Betracht ziehen, werden wir nichts verstehen und werden daher nichts erarbeiten können. Das Problem ist schlimm, da seinerseits das Historische wirklich abgewertet wurde. Zum Beispiel ist der Geschichtsunterricht in Kuba von niedriger Qualität: einseitig, nachlässig, ohne Konflikte und Widersprüche, formalistisch. Eine enorme Anzahl von Kindern wissen sehr wenig von der Geschichte Kubas und, was noch schlimmer ist, sie fühlen sich nicht einmal von ihr angezogen, da der Unterricht so unzulänglich ist.

Es ist zum Verzweifeln, die wenige Zeit, die wir heute haben. Warum machen wir nicht noch ein Treffen mit mir an einem anderen Tag? So könnten wir in Ruhe über die notwendigen Dinge sprechen und ihr hättet nicht nur Zeit zum Fragen, sondern auch, um mir eure Meinungen zu sagen, eure Einwände. Ich möchte Euch erinnern, dass ihr nicht irgendein Kollektiv seid: durch das was ihr lernt und durch die Charakteristiken dieser Baumschule, ist es notwendig, dass ihr zu politischen Kadern werdet. Ich weiß, dass das Wort “Kader” hässlich ist. Niemand will ein Kader sein, das stimmt, ihr habt recht. Aber trotzdem, es ist notwendig für das Land, dass ihr politische Kader seit, wie es der Che wollte, und Intellektuelle in dem Sinne, wie sie der Kommunist Antonio Gramsci erkannte, in den organischen Intellektuellen der Revolution. Daher müsst ihr Pflichten erfüllen, die andere nicht haben. Es geht nicht darum, bloß zu kritisieren, sondern vor Allem darum, positive Dinge zu machen. Wir, die viel kritisieren, haben die Pflicht zuerst immer wieder zu bekräftigen: man muss vor Allem positive Dinge machen. Diejenigen, die höher gebildet sind und die Mittel haben mehr Menschen zu erreichen und deren Mitteilungen die Leute beeinflussen, haben ohne Zweifel mehr Pflichten. Viel mehr Pflichten.

Warum sprechen wir von einem Kubanischen Sozialismus? Wir haben heute keine Zeit, um das zu entwickeln, ich möchte nicht, dass wir die letzte Frage unter den Tisch fallen lassen. Ich fasse mich telegraphisch. Wir sprechen von einem kubanischen Sozialismus aus der Notwendigkeit heraus, nicht aus Nationalismus. Den Sozialismus und die nationale Befreiung zu vereinen, war eine Voraussetzung, ohne welche es nicht möglich gewesen wäre, dass in Kuba eine Revolution siegte und sich erhielt. Und nicht nur in Kuba; ich glaube diese Voraussetzung wird im größten Teil des Planeten zu erfüllen sein. Das impliziert einen großen Widerspruch in der Brust des marxistischen Sozialismus. Obwohl Karl Marx weder der einziger Antibourgeois, noch der einzige Sozialist seiner Zeit war, war er in der Lage eine Theorie und einen Vorschlag zu entwickeln welche sich als unübertrefflich herausgestellt haben, um die kapitalistischen Gesellschaften zu verstehen, die Arten, den Kapitalismus zu bekämpfen und ein weltweites Projekt zu entwerfen, für eine befreite Gesellschaft mit einer neuen Kultur. Marx schloss jeden Rückschritt zu vorherigen Gesellschaften aus, um die Befreiung zu erreichen, und er betrachtete jene als konservativ. Der Unterschied zwischen dem Kapitalismus und aller vorherigen beherrschten Gesellschaften – so sagt Das Kapital – ist, dass diese sich selbst reproduzierend existieren, während der Kapitalismus sich selbst revolutionierend existiert. Diese fortschrittliche europäische Gesellschaft des 19. Jhd. schuf die Prämissen für den großen Sprung: enorme Produktivkräfte und ein unüberwindbarer Gegensatz zwischen Bourgeois und Proletariern. Nur durch die revolutionäre Praxis wäre es möglich, den Kapitalismus zu zerschlagen und eine freie kommunistische Gesellschaft aufzubauen, die Protagonisten würden die europäischen Proletarier sein.

Der Kapitalismus konnte sich nur entwickeln und globale Reichweite haben, durch die Kolonisation  des größten Teils der Welt, welchen er ausplünderte und ausbeutete, in welchem er Kulturen zerstörte und Zwiespalt säte. Er verbot ihm Besitzer seiner Ressourcen zu sein und die Bedürfnisse der Mehrheit zu befriedigen und verwandelte das Ergebnis in ein permanentes System. Darum musste eine sozialistische Revolution, in Ländern wie Kuba, obligatorisch eine nationale Befreiung sein, während in Europa die Nation und der Nationalismus von den Marxisten beschuldigt wurde, Mittel der Vormachtstellung der Bourgeoisie zu sein. Dies ist der erste Grund für einen Kubanischen Sozialismus.

In der kubanischen Geschichte hat es zwei Positionen und zwei Konzepte des Sozialismus gegeben, nicht nur ein. Eine von ihnen stammt von der europäischen Idee ab, die darauf abzielte, dass die kommunistische Internationale sich ab 1919 zu universalisieren versuchte. Sie hat die Gründung der kommunistischen Parteien in Kuba und vielen anderen Ländern inspiriert. Die andere stammt aus den  Notwendigkeiten, der Geschichte und Kultur des Widerstandes und der Rebellion des kubanischen Volkes ab und von seinen Vertretungen, Motivationen und sozialen und politischen Aktionen. In Kuba waren die Initiatoren und ersten Führer des Kubanischen Sozialismus Julio Antonio Mella und Antonio Guiteras. In einer großen Anzahl von Ländern gibt es eine Geschichte der Entfremdung, Gegensätze und Konflikte – manchmal tragisch – zwischen dem der kommunistischen Internationalen angehörendem Sozialismus und den Bedürfnissen, Bewegungen und Kämpfen der kolonialisierten und neokolonialisierten Völker.

Die zwei Arten, Sozialismus zu begreifen und zu verstehen, entfalteten sich während der Revolution der 30’er und existierten danach weiter in unserem Land. In Anbetracht der im März 1952 installierten Diktatur, begannen Fidel und seine Genossen mit dem bewußten und organisierten Training von Minderheiten, initiierten den Kampf, hielten ihn aufrecht und gewannen den Einfluss auf immer größere Bereiche [der Gesellschaft], die mobilisiert wurden und sich zu Sympathisanten oder Mitkämpfern wandelten. Die Gesten der Moncada [Sturm auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba] und der Granma [Landung der Yacht Granma und Beginn der Guerilla gegen Batistas Armee] wurden von der anderen Art, in Kuba den Sozialismus zu verstehen, kritisiert, als kleinbürgerliche, militaristische Akte, etc., welche dem Interesse der Arbeiterklasse schaden. Oder anders gesagt, war dies ein Konflikt der Ideen und politischen Positionen. Er wurde durch die revolutionäre Praxis entschieden: der Aufstand wurde zum höchsten Ausdruck des Kampfes der Massen, besiegte die Tyrannei und öffnete die Tür für eine wahre und tiefgreifende Revolution.

Mit dem Sieg seiner Revolution 1959, erbrachte Kuba einen ungeheuren kulturrevolutionären Beitrag. Es war der Sieg einer aufständischen Bewegung, der sich in eine sozialistische Volksrevolution der nationalen Befreiung verwandelt hatte, unmittelbar vor der Haustür der Vereinigten Staaten, in einem neokolonialisierten Land, vollkommen westlich, wo alles mit dem Wert des Geldes gemessen wurde. Die Veränderungen mussten außergewöhnlich sein, da es fast unmöglich war, einen so tiefgreifenden und umfassenden Wandel zu begreifen, wie jener, der vor sich ging, und die Menschen mussten tief in ihrem Inneren mit ihrem Verhalten, ihren Motiven, gesellschaftlichen Beziehungen, Gefühlen und Ideen brechen. Ein herausragender junger mexikanischer Ökonom, Juan Noyola, kam 1959 an der Spitze einer Delegation der CEPAL (Ökonomische Kommission für Lateinamerika der UNO) nach Kuba und machte eine Studie über die aktuelle Situation. Noyola schrieb: “Selbst der elendste Bauer im Herzen Kubas, barfüßig und in Lumpen gekleidet, misst alles am Wert des Geldes. In Kuba ist das Geld das generelle Äquivalent der Güter.” Um die große Revolution zu sein, musste sie diese Macht des Geldes über die Menschen niederreißen. Dieser Mexikaner entschied sich zu bleiben, um hier zu leben und zu arbeiten und starb als Teil einer kubanischen Delegation, welche im November 1962 bei einem Flugzeugabsturz in den Anden verunglückte. Übrigens trägt das Gebäude der Wirtschaftsfakultät der Universität Havanna seinen Namen, aber ich nehme an, dass der Großteil der Studenten nicht wissen wer Noyola war.

Wie so oft liefert uns die Geschichte grundlegende Lektionen. Die Idee, dass der Sozialismus die Konversion von Unmöglichem in Mögliches ist und in Wirkliches, durch das Handeln der Revolutionäre, ist grundlegend für Heute, für 2014. Wer glaubt, oder man macht ihn glaubend, dass man nur das Bestehende reproduzieren kann, befindet sich in einer völlig anderen Position: welche davon ausgeht, dass die Produktivkräfte es sind, die die Produktionsverhältnisse und das gesellschaftliche Leben bestimmen, oder anders gesagt, dass bestimmte ausgewählte ökonomische Daten das Wirtschaftssystem und das gesamte gesellschaftliche Leben bestimmen. Das ist die “obligatorische Korrespondenz”, die man in den Manualen des marxistischen Dogmatismus lernte. Die Jüngeren unter Euch sind glücklicher, weil sie das niemals lernen mussten, aber wir anderen sind nicht so glücklich gewesen. Darum schrieb der Che in seinem Bolivientagebuch zu Beginn der Notiz vom 26. Juli: “26. Juli. Sturm auf die Moncada. Angriff auf die Oligarchien und auf die revolutionären Dogmen”. Ein Sturm gegen deren Macht und gegen unsere Dogmen.

Dieser Konflikt wurde durch die von mir genannten historischen Erfahrungen trotzdem nicht gelößt. Er besteht bis Heute fort. Das was sich ändert sind sein spezifischer Inhalt und seine Bedingungen. Meiner Meinung nach, wird der ökonomistische Sozialismus in der aktuellen Situation kein sozialistisches und effektives Ergebnis bringen: wir werden an einen kubanischen Sozialismus appellieren müssen.

Ich habe in meinen Notizen noch mindestens vier weitere Gründe für das Entstehen des kubanischen Sozialismus. Dies werden wir beim nächsten Treffen abhandeln. Aber lasst mich wenigstens einen Aspekt kommentieren, der mir so wichtig erscheint ihn nicht auf später zu verschieben. Die Demokratisierung des kulturellen Konsums, welche vom Kapitalismus ab 1945 in Angriff genommen wurde, bezahlen ganz klar wir Anderen [Amk. d. Ü.: die 3.Welt]. Außerdem , um nach der andauernden Krisenetappe, die durch den Ersten Weltkrieg und die Oktoberrevolution ausgelösst wurde, die Wiedererrichtung seiner Hegemonie im planetarem Maßstab effektiv sein zu lassen,  begann man zunächst im letzten Viertel des Jahrhunderts mit einem Prozess der Hyperzentralisation und Finanzialisierung des transnationalen Großkapitals; ein gigantisches internationales System zum Eintreiben von Tributen und zum Plündern der natürlichen Ressourcen der Länder, dass zügig die Lebensbedingungen auf der Erde verschlechtert. Ein Prozess der voranschreitet mit der Beseitigung der nationalen Souveränität, mit militärischen Aggressionen und Druckausübung jeglicher Art, mit dem großen Plündern der Mitte, Lebensmittelspekulation und anderen Untaten. Der aktuelle Imperialismus respektiert nicht die Errungenschaften des 20. Jhd., nicht einmal jene, welche er zu seinem Nutzen aufstellte; er vertraut darauf, dass die Klassenkämpfe und nationalen Befreiungen nicht wieder an Kraft gewinnen und sich ausbreiten.

Dieses System, welches seiner eigenen Natur zuwiderhandelt und die Versprechungen des Fortschritts, der Entwicklung und der Selbstbestimmung der Völker bricht, muss auf dem Gebiet der Kontrolle von Ideen, Bewusstsein, Wünsche, Gefühle und des spirituellen Lebens wieder die Oberhand gewinnen, um Widerstände und Rebellionen zu vermeiden, die es in tödliche Gefahr bringen. Die Demokratisierung des kulturellen Konsums in den Händen des Imperialismus, ist heute eine wichtigere Waffe, als die Kämpfe mit Soldaten und Drohnen im kulturellen Weltkrieg, der gegen die Völker im Gange ist. Wir müssen sie gut identifizieren und mit der gesamten Intelligenz agieren, um ihr zu begegnen und gleichzeitig voranschreiten mit einer außerordentlich positiven Arbeit des Gebrauchs der Medien, die sich in unserem Umfeld etablieren, um sie unserer Gesellschaft zu nutze zu machen. Wir müssen sehr kreativ sein und klare und feste Prinzipien haben. Meiner Meinung nach, ist es unentbehrlich, dass wir uns in den Ideen und Positionen des kubanischen Sozialismus einrichten.

Die zweite Frage die mir gestellt wurde, hat die Prämisse des von mir geteilten Konzeptes, weil die Auffassung, dass die Epoche des sozialistischen Übergangs eine Abfolge und Simultanität von Revolutionen und kulturellen Veränderungen impliziert und fordert, bedeutet, das Konzept vom kubanischen Sozialismus zu übernehmen. Aber es bleibt keine Zeit, diese Frage weiter auszudehnen. Das gleiche müsste ich bei der dritten Frage tun – welche Art Sozialismus sollen wir aufbauen? -; meine Antwort wäre sehr lang.

Nehmen wir es als unmöglich an, eine egalitärere Gesellschaft zu bilden? Was verbirgt sich hinter der hauptsächlichen Kritik am Egalitarismus? Diese vierte Frage ist etwas provokativ, darum gefällt sie mir am besten. Zunächst muss man konstatieren, dass es einen chronischen Mangel an Debatte über Ideen und konzeptionelle Begründetheit der Revolution gibt, und daher Mangel an Debatte über ihre Probleme, Strategien, Prinzipien, Taktiken und ihr Projekt. Diesen Mangel gibt es schon seit Jahren, daher nenne ich ihn chronisch. Dazu kam es einerseits durch die große Krise der Lebensqualität, der Wirtschaft, der Lebensfähigkeit des Landes, zu Beginn der neunziger Jahre, und zwar nicht auf die ein oder andere Weise, sondern in jedweder Hinsicht, und andererseits durch die Krise der nationalen Sicherheit, dadurch, dass die Geopolitik der Bipolarität endete. Es war auch eine kritische Situation für die Idee des Sozialismus selbst, da der Sozialismus im internationalen Maßstab an Ansehen verloren hatte, und das dominante System versuchte die Ansicht durchzusetzen, dass der Sozialismus etwas geschehenes war und eine Sache der Vergangenheit.

Lassen wir die Untersuchung eines Ereignisses beiseite, welches dennoch grundlegend war: der kubanische Sozialismus ist nicht gefallen. Für das totalitäre System der öffentlichen Meinungsbildung, war es nur zu logisch und erwartbar, dass er fallen würde, dass die einzige Antwort war, die es darauf geben konnte, dass die kubanische Revolution nicht Geschichte wurde, nie wieder von dieser Tatsache zu sprechen. Für sie ist das ausreichend; aber für uns nicht. Wir müssen wissen, was geschah und warum es geschehen konnte, und wir müssen die wertvollen Lektionen daraus ziehen.

Die Option, der Praxis zu vertrauen und sich darauf zu beschränken einige Wahrheiten und Parolen zu wiederholen, hatte seine Daseinsberechtigung, hatte aber seinen Preis, wie jede wichtige Entscheidung. Das Fehlen einer Debatte der Ideen und des Entwickelns oder Überarbeitens der Grundlagen unseres Sozialismus, wurde chronisch, und in der resultierenden Leere traten Glaube und Gemeinplätze in Erscheinung, die irrig sind und sich schädlich auswirken, und uns schwächen. Warum? Weil sie die Ideen ersetzen und weil sie die historischen Kräfte verdunkeln oder verstecken, welche lebenswichtig für die Revolution waren und sind, und welche einen Teil unseres kulturrevolutionären Schatzes bilden.

Diese Ideen und Glaube – vor Allem sind sie Glaube -, diese Gemeinplätze, produzieren Formulierungen, die den Prinzipien der Revolution widersprechen, oder sind zumindest weit von ihnen und ihren historischen Erfahrungen entfernt. Um mich der Provokation hinzugeben, würde ich noch den Begriff “Paternalismus” hinzufügen. Und die extreme Zurückhaltung des Wortes Sozialismus im öffentlichen Gebrauch.

Es ist ein schwerer Fehler, abwertende Verallgemeinerungen verwendend, die Idee einer egalitären Gesellschaft zu attackieren. Dies führt dazu, dass wir glauben können, dass diese [egalitären Gesellschaften] schwere Fehler waren, die wir begangen haben, die uns schweren Schaden zugefügt haben, worüber wir uns endlich im Klaren sind und sie schließlich beiseite schieben können. Die kubanische Revolution stellte die egalitäre Idee in einem kolossalem Maßstab dar, mit so tiefgreifenden Maßnahmen wie die Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums zu Gunsten der Bevölkerung und das Etablieren  der Regel einer Gleichheit der Möglichkeiten. Diese Realitäten waren die Basis des ausgesprochen aktiven Konsens des Großteils der Bevölkerung mit der Revolutionsmacht und bildete Teil einer revolutionären Totalität, die uns immense moralische und politische Kräfte, aber auch enorme materielle Gewinne, Repräsentanz und nationale persönliche und familiäre Projekte einbrachte, die einzigartig in der Welt sind. Ich erinnere an einen Botschafter eines Landes der sogenannten Ersten Welt in Kuba, welcher einmal sagte: “Auf dem Gebiet der Außenpolitik sind alle Länder Sancho Panza, außer Kuba, welches Don Quijote ist”. Das Lob einer Person, dessen Ideologie weit von der unseren entfernt ist, welche aber zu unterscheiden weiß, was würdevoll und bewundernswert ist und was nicht.

Diese in Realitäten verwandelten höchsten Ideale waren es, die Kuba vor seinen Feinden retteten. Jedes Mal, wenn die Versuchung oder die Notwendigkeit aufkam, hat sich die Revolution weder verkauft noch verraten, wegen ihrer Prinzipien und weil wir gelernt hatten, dass wenn wir uns verkauften, am Ende alles verlieren würden. Das was dieses Land geschafft hat, veränderte wundervoll in Grad und Inhalt das soziale Bewusstsein des Volkes. Vor sechzig Jahren war es sehr schwer sich ein Land vorzustellen, wo Geld wichtiger gewesen wäre, als in Kuba. In Wahrheit war es schon seit zweihundert Jahren so, weil das enorme Sklavengeschäft der Bourgeois in Kuba sehr in Mode war. Es war keine Rückständigkeit, das ist unwahr. Noch immer ist es gebräuchlich, ironischerweise an einige kreolischen Herren Kubas als Großväter der Nation zu erinnern, die sich strikt an die koloniale Ordnung hielten, welche ihr Eigentum an Betrieben und Menschen und ihre gesellschaftliche Führungsrolle schützte. Sie waren so modern, wie man es derzeit in Europa war, aber sie hatten soviel Geld, Rang und Kultur auf Kosten der Arbeit und des Lebens der Sklaven. Die Zuckerfabriken in denen zusammen mit dem Zuckerrohr das Leben von Millionen Menschen zermahlt wurde, trugen weniger die Namen von Heiligen oder Jungfrauen, als die von geografischen Orten – manchmal exotische -, Geschäftsbezeichnungen oder Namen von Heldinnen romantischer Erzählungen aus Europa. Ein Jahrhundert lang begingen sie sehr modern schreckliche Verbrechen.

In jenem Kuba war die Freiheit eines städtischen Sklaven an die Fähigkeit gebunden, etwas Geld zu sparen. Es gab sogar ein Gesetz, sie nannten es coartación, welches ihm erlaubte, seinen Kaufpreis im Polizeikommissariat zu bezahlen, wenn sein Herr es nicht annehmen wollte. Denkt an die Hoffnung bezüglich der Macht des Geldes, welches individuelle Freiheit generieren könnte, die nur einer kleinen Minderheit vergönnt war.

Die Revolution schloss den Egalitarismus in seine Tugenden ein und entwickelte und ispirierte die Arbeit und die Opfer von Millionen, welche sie zu sehr viel besseren Menschen machte. Menschen, fähiger solidarisch zu sein, das altruistische Glück anzustreben, das heißt Glück, welches nicht durch Elend, Plünderung oder Hilflosigkeit der Anderen entsteht. Die Idee der Egalität bildet Teil von dem, was Kuba bewundernswert gemacht hat und wofür es von Millionen von Menschen bewundert wird, die uns weiterhin als ihre Hoffnung ansehen: “jene haben geschafft, was wir schaffen wollen”. Verschweigen, Vergessen oder Negieren unserer Erfolge, trägt auch dazu bei, uns zu demoralisieren, insbesondere bezüglich der moralischen Kraft, die diese Erfolge haben. Und es senkt die Verteidigungsfähigkeit der Revolution.

Jene falschen Glaubenssätze bauen stark auf dem, was der “gesunde Menschenverstand” sein soll, ohne sich im klaren zu sein, dass dieser Menschenverstand bourgeois ist. Sie ermutigen den Entwurf von falschen Dilemmas, wie jenes, dass es solche gibt, die Erfolg haben und solche, die scheitern. Habt ihr das in den nordamerikanischen Serien und Filmen bemerkt, die uns das kubanische Fernsehen jeden Abend und jede Nacht unterbreitet? Sie scheinen das Ziel zu haben, uns Nachmittags für die Lebensart der Jugend der Vereinigten Staaten und Abends für die der Erwachsenen zu begeistern. Eines der Axiome, die verbreitet werden, damit sie die Massen konsumieren, ist: “er ist ein Mann des Erfolges” oder “er ist ein Versager”. Ihr wisst, dass keine Sprache unschuldig ist. Keine Sprache ist naiv. Naiv ist derjenige, der sie glaubt. Dieser Glaube kann Tendenzen begünstigen, die potentiell dem Sozialismus entgegengesetzt sind, wie der Apolitizismus und der gesellschaftliche Konservativismus.

Der Konservativismus und der Apolitizismus sind von einander verschieden, aber sie sind komplementär. Diese Feinde dieser Gesellschaft, die wir aufzubauen geschafft haben, haben sich in den letzten zwei Dekaden entwickelt und sind gewachsen. Der Apolitizismus ist in den letzten Jahren zurückgegangen, die Politisierung hat eine Erholung erfahren. Wir rechnen heute mit einem Teil der jungen Generation, welcher darauf brennt, politisch zu handeln. In den neunziger Jahren war das nicht so, es war eher eine Generation der Frustration. Aber da ich aus Zeitmangel nicht zu Ende bringen kann, was ich euch erklären will, will ich wenigstens hervorheben, dass der Apolitizismus entfernt vom Politischen zu sein scheint und denjenigen, der ihn praktiziert nicht mit einer politischen Position kompromittiert, aber in Kuba hat er eine tödliche politische Konsequenz für den Sozialismus, da er ihn durch Unterlassen der unentbehrlichen politischen Partizipation des Volkes korrodiert, ohne der Überzeugung durch oder der Konfrontation mit Ideen eine Chance zu geben.

Für seinen Teil kann der soziale Konservativismus sogar erscheinen, als hätte er nur mit dem Privatleben der Menschen zu tun. Er beabsichtigt nichts Anderes, als die Bräuche, Normen, Sitten, Beziehungen, Werte und Visionen des Lebens und der Welt wieder zu erlangen, “die es damals gab”. Sein Vorschlag ist in letzter Instanz, zurück zur “Normalität zu kehren”. Aber, im Grunde genommen, entspricht diese vermeintliche Normalität, dem Leben und den gesellschaftlichen Verhältnissen, die vor der Revolution herrschten. Als ich zum Beispiel ein Kind war, war das Normale, dass ich weder schwarz noch weiß war, und dass wir nicht an Hunger starben; wir aßen gut, wenn auch nur eine Mahlzeit. Meine Familie hatte während des letzten halben Jahrhundert einige Stufen der sozialen Leiter erklommen. Aber wir Jungen lernten, nicht eine Arbeit in einer Bank, im Handel oder anderen Geschäften anzustreben, wo es Leuten nicht erlaubt war zu arbeiten, wenn sie nicht weiße Haut hatten. Von Klein auf brachte man mir bei, mich mit meiner Stellung abzufinden. So nannte man das: “lernen, seinen Platz zu finden”. Das ist es, was der gesellschaftliche Konservativismus in Kuba heute anstrebt: dass wir “zur Normalität zurückkehren” und dass ein Jeder “seinen Platz einnimmt”. Dass bedeutet, dass die Gesellschaft, die wir aufgebaut haben, sich suizidiert.

Ich vergesse nicht, dass wir zwei ungeheure Feinde haben, in der schon kristallisierten Bürokratisierung – dem Bürokratismus – und in der Trägheit. Es sind zwei böse Feinde, die wie Unkraut gewachsen sind. Die Trägheit ist demokratischer als der Bürokratismus, es ist eine generelle Entwaffnung, die darin besteht, nicht zu handeln, sondern zu warten: “wir handeln nicht, wir warten”. Mit dem Genannten hätten wir schon genug schlechte Dinge, aber noch schlimmer ist, dass gegen Kuba eine subversive Kampagne im Gange ist, die sehr gut ausgeklügelt vom Imperialismus ist. Eine wache Person müsste sehr dumm sein, um sich dessen nicht gewahr zu werden. Manchmal ist sie sogar gut organisiert, nicht nur gut ausgeklügelt. Mit ihr wird beabsichtigt, die Tendenzen immer wieder zu beleben, den Kapitalismus in Kuba zuzulassen. Das bedeutet, uns von innen ideologisch zu entwaffnen, das Bewusstsein und den Wunsch zu schwächen weiterhin Sozialisten zu sein und Aktionen auszuführen, zur Destabilisierung und Delegitimierung der bestehenden Ordnung, die als Rahmen für subversive Aktivitäten dienen, welche offener und effektiver wären und Interventionismus ermöglichen sollen. Die ewigen Konterrevolutionäre, welche reden und handeln, sind nicht mehr in der Hauptlinie der Subversion. Die Wichtigen für den Imperialismus sind jetzt die Jüngeren, die Intelligenten, die graduierten Akademiker, mit mehr Fähigkeiten und Möglichkeiten der Kommunikation.

Deshalb ist es die Pflicht von uns Allen, die wir intellektuelle Aktivitäten und Rollen haben, uns mit Intelligenz und Entschlossenheit der Gesamtheit unserer Probleme zu stellen, der Totalität der kulturellen Konfrontation zwischen Kapitalismus und Sozialismus, der Aufgabe, das Bewusstsein wachsen zu lassen und es zu schaffen, dass die laufenden gesellschaftlichen Transformationen eine positive Bilanz für den Sozialismus haben. Es ist essenziell, sich der Situation in seiner Gesamtheit zu stellen. Wenn wir die Frage der Subversion als Einzelnes angehen und uns darauf beschränken, begehen wir einen großen Fehler und wir würden uns schwächen. Um es noch deutlicher zu sagen: wenn wir die Subversion als einzelnes Problem auffassen, das es zu unterdrücken gilt, schwächen wir uns, denn es ist nur ein Aspekt dessen, was getan werden muss.

Der Genosse Raúl hat es immer wieder gesagt, dass man debattieren und zu Divergenzen gelangen muss, um die Probleme wirklich aufzuzeigen und die besten Lösungen zu finden. Es ist schwer gewesen, die Medien zu einem effektiven Echo auf diese Aufrufe zu bringen. Ich erinnere mich, dass Raúl den angolanischen Präsidenten auf dem Flughafen verabschiedete und es gab danach eine Art Pressekonferenz mit ihm, da aber niemand ihn nach diesem Thema fragte, nutzte Raúl die Gelegenheit und sagte, dass wir diskutieren müssen und dass wir Differenzen haben müssen. Niemand hatte ihn danach gefragt, und ich fragte mich: “Was ist das? Wenn der Präsident dazu gezwungen ist, sich dieses Mittels zu bedienen, dann nur, weil sie es nicht publizieren würden, wenn er es nicht so macht.” Das bedeutet, dass wir gegen den Strom einiger Gewohnheiten schwimmen müssen, die sehr schädlich sind. Zum Beispiel das weite Spektrum der Fragen, die man für gefährlich hält. Oder die Selbstzensur, die wir erlitten haben; ein unendlich größeres Übel, als die Zensur. Die Zensur selbst kann man verachten und hassen, man kann sie zurückweisen. Aber die Selbstzensur legt man sich selbst auf und deshalb wird sie auch, in guter Absicht, als Patriotismus ausgegeben, oder sie ist Opportunismus verkleidet als Feigheit.

Wie können die Medien bei der Bewusstmachung und der positiven Transformation der kubanischen Gesellschaft helfen? Wie erreicht man eine größere Präsenz der Intellektuellen und der Kultur in den Medien? Dies ist das Wichtigste für Euch, aber meine Funktion kann es nicht sein, den Großteil der Zeit dieser Frage zu widmen und daher beabsichtige ich dies auch nicht, denn davon wisst ihr unvergleichlich mehr als ich. Es wäre wie im Haus des Kreisels zu tanzen. Was ich versuchen kann, ist euch in Aspekten etwas zu eurer Bildung und Information beizutragen, die euch in eurer Spezialisierung hilfreich sein können und trotz meiner Unkenntnis eure Aufmerksamkeit mit akuten Kommentaren erregen. Mir scheint es, dass man eine solide Bildung erhalten muss, eine höhere Bildung, als die Spezialisierung einfordert, um ein guter Spezialist zu sein und um Klarheit darüber zu haben, warum man eine Sache macht und nicht eine Andere, warum das was man ihm sagt gut oder schlecht ist, warum einem Ideen und Handlungen einfallen sollen, auf die niemand ihn gebracht hat. Eines der schrecklichsten Dinge der Notwendigkeit zum eisernen Zusammenhalt, die wir hatten, war es, dass dir nichts einfallen soll, sondern du zu warten hast, dass man dir das Was und Wie sagt, etwas sehr entwaffnendes und negatives.

Das Problem mit generellen Begriffen betrachtend, ist es sehr hart, dass die immense Summe an Fähigkeiten, die das kubanische Volk hat, einem so geringen Anteil seiner Nutzung gegenüber steht. Die Kubaner haben ein außergewöhnliches Niveau an allgemeiner und spezieller Bildung, an professionellem Wissen, einschließlich der Wissenschaften, Entwicklungs- und Grundlagenforschung, aber der Prozentsatz seiner Nutzung ist sehr dürftig, zum offensichtlichem Schaden in allen betroffenen Bereichen und bei allen Initiativen zur Effizienz und zu notwendigen Veränderungen. Ich füge nur hinzu, dass außer zu sehen und zu kritisieren, es aber am wichtigsten ist, die Situation zu ändern, in dem Raum, in welchem sich alle bewegen und untereinander für umfassendere Veränderungen streiten.

Wir müssen ausreichende und aufrichtige Informationen über unser eigenes Land haben. Wahre und viele. Manchmal sind die Information nicht wahr und meistens sind es nicht viele. Und dieses schließt die Geschichte des Landes,  seine Revolution und seine Probleme ein. Manchmal vernehme ich ökonomische Daten in einem Medium, die absolut absurd, unmöglich sind. Und dies geschieht, weil diejenigen, die durch ihre Aufstellung und Approbation dazu bestimmt sind, sich zu äußern, nichts von diesem Thema wissen. Man bietet zum Beispiel Produktionsdaten an, die in Kanada oder Brasilien erreicht werden können, aber nicht in Kuba, oder man reduziert auf der anderen Seite das Existierende um tausende Einheiten. Es ist doch nicht möglich, dass die ökonomischen Kenntnisse genauso schwinden, wie die Busse in Havanna. Das Relative auf kubanischem Niveau zu kennen, ermöglicht es, als Spezialist zu handeln und in den Medien zur revolutionären Bewusstseinsbildung beizutragen.

Man kann Revolutionär sein und nichts über Nickel wissen, aber es ist nicht angemessen, wenn man in den Medien arbeitet. Wissen, dass das revolutionäre Kuba die größten Nickelreserven der Welt hatte, und dass wenn man aus dem Nickel den Schwanz  extrahiert, so nennt man den Überschuss, er einen Eisengehalt von 49% hatte, und dass man damit einem mächtigen Eisenhüttenkomplex schaffen kann, und dass man von den 27 Arten der Nickelveredelung – woraus man eine höhere Wertschöpfung erhält – 21 auf Kuba durchführen könnte, eine absolut hohe Zahl, die eine sehr befriedigende Ausbeute zuließe. Wenn man all dies ignoriert, wie will man begreifen, was eine Kolonie ist, was es ausmacht, eine natürliche Ressource ökonomisch sinnvoll auszubeuten, warum die UDSSR, ein Land, welches während der 30 Jahre enger Beziehungen als ein Bruder galt, Kuba keine Eisenhütte verkaufte? Damit wir nicht allzu frei wären. Wenn man diesen Nickel und dieses Eisen in Walzstahl konvertiert und in Stahl von hoher Qualität; wenn man vom Nickel den Kobalt extrahiert, den er auch enthält, um ihnen nicht zusammen mit dem Nickel auch noch den Kobalt zu verkaufen, der sehr viel mehr wert ist und den man außerdem in der Produktion von Stählen hoher Qualität benutzt und für die Raumfahrt…

Man muss die ökonomischen Fragen studieren; muss über die Ökonomie bescheid wissen, um den Beruf des Korrespondenten auszuüben. In einer generelleren Ebene [betrachtet], ist man an einem strategischen Ort in der Kommunikation der Menschen positioniert, von welchem es abhängt, ob die Anderen wissen oder nicht wissen, was geschieht, dass sie Daten und Ideen erhalten um sich besser zu orientieren, dass sie wissen, dass ein Vielfaches an Interessensgebieten existiert für ihre menschliche und soziale Entwicklung.

Aber es gibt ein anderes aktuelles Problem, dass mich sehr beunruhigt. Wird es von Mal zu Mal weniger, was man in Kuba für Medien hält? Ich habe den Eindruck, durch das, was mir erzählt wird, dass durch die Informationsnetze bedingt, eine Anzahl und großer Prozentsatz der Jugend in Havanna nicht mehr fernsehen. Ich, der seine Zeit damit verbringt, das Fernsehen zu kritisieren, verschwende ich nicht die Hälfte meiner Zeit, da die Jugend es ohnehin nicht mehr sieht? Man hat mir erzählt, dass sie in einem Gebäude in Centro Habana ein Netzwerk mit 35 Zugriffspunkten geschaffen haben und dass dort außerdem “Pakete” in Umlauf gebracht werden, die sie sich besorgen; jeder einzelne zahlt einen lächerlichen Beitrag an das Kollektiv. In diesem Gebäude ist kein Jugendlicher daran interessiert, unser Fernsehen zu schauen. Dies sind neue Medien, vollkommen außerhalb der Kontrolle des Staates oder der Gesellschaft, und bilden einen wachsenden Teil des Konsums, mit samt seinen kulturellen und ideologischen Implikationen, von denen ich fürchte, dass sie sehr viel näher an der Lebensart der entwickelten kapitalistischen Welt sind, als an der unseren.

Junge Journalisten von Juventud Rebelde haben mich vor 3 Monaten gebeten, dass ich einen kleinen Text für die erste Ausgabe ihres Blogs Soy Cuba verfasse. Mein Artikel hieß “Wir sind nicht ihre Diener, arbeiten wir mit ihnen”. Sie sind die, auf sehr reduktive Art bezeichneten, “neuen Technologien”. Außerdem beschloss ich, um den kulturellen Gegenstand der Frage zu präzisieren, einen entscheidenden Aspekt der Aktualität herauszustellen: ihre begünstigende Dimension für die Weltherrschaft des Kapitalismus. Daher sollten wir lernen, keine Diener von ihnen zu sein. Aber gleichzeitig sollten wir lernen, dass der Versuch, sie zu verbieten, eine neue Art ist, Selbstmord zu begehen. Man muss mit Ihnen arbeiten und ihre Potenziale zugunsten der menschlichen und sozialen Entwicklung der Kubaner nutzen.

Ich will euch ein Beispiel erzählen, dass ich gerade auf der Buchmesse in Santiago de Cuba gesehen habe, El Proyecto de Promoción Literaria Claustrofobias, welches der Dichter Yunier Riquenes leitet, lieferte unmittelbare audiovisuelle Informationen über praktisch alle Aktivitäten, Titel im Verkauf, Interviews, und so weiter, welche stattfanden, und etablierte einen Dienst über ein kabelloses Netzwerk (WiFi), womit Interessenten digitale Bücher und Zeitschriften auf ihre Speicher, Telefone und andere Geräte, die dazu in der Lage sind, kopieren konnten. Aktionen wie diese sind Schritte in Richtung einer Revolution der Möglichkeiten massenhaft Texte zur Lektüre anzubieten. Yunier kommentierte mir gegenüber: “es kostet nicht allzuviel”. Sie multiplizieren die Möglichkeiten der kulturellen Entwicklung für eine Bevölkerung, die eine sehr hohe durchschnittliche Schulbildung hat und seit Jahrzehnten ein kulturelles Klima, welches ihren Leistungsfähigkeiten zuträglich war. Aber heute existiert auch eine entgegengesetzte Strömung, die ihre Anhänger wegführt, von der Lektüre, dem Gefallen an Qualität in künstlerischen und intellektuellen Produkten und dem Studium und Wissen im Allgemeinen. Wen diese Strömung gewonnen hat, der würde an diesem Projektstand nichts kopieren; warum auch, um was zu suchen?

Aber im Grunde geht es bei der Frage nicht um guten oder schlechten Geschmack, oder um Talent versus Mittelmäßigkeit. Diese andere Strömung fügt sich ein in die gigantische internationale Operation, der es darum geht, den Leuten die Fähigkeit des Denkens zunehmen, den Augen und Ohren eine unendliche Lawine von Bildern und Tönen anzubieten, die keinen Sinn macht, aber zu einer Notwendigkeit wird, die entfremdet, ohne neue Identitäten [gentilicios] zu geben, die kolonialisiert, mit dem Einverständnis des Kolonialisierten. Wir wissen bereits, wer der Urheber dieser vermeindlichen Universalisierung der Träume ist. Es geht also um einen Kampf und als solchen müssen wir ihn verstehen.

Wieviel Klarheit haben wir heute über die gegensätzlichen Realitäten, Medien zu nutzen und sich an Ausdrucksweisen festzuhalten, die sehr eiserne Konditionierungen bewirken bezüglich ihres Inhaltes und ihrer Orientierung? Duaba hat mich begeistert, und später wurde mir eine sehr interessante Geschichte darüber erzählt, wie Duaba möglich werden konnte. Denn es war nicht kuscheln und singen [coser y cantar], es war ein Kampf. Es gab jemanden, der dachte, dass es darum ging, eine stinklangweilige Geschichtslektion zu verfilmen, die niemand sehen will. Aber die Serie hatte einen monumentalen Erfolg beim Publikum und hat tausende Kubaner und Kubanerinnen berührt, unter ihnen ein großer Anteil von Jugendlichen. Jemand erklärte mir, dass vom technischen Blickpunkt betrachtet, Duaba an aktuelle Medien appelliert, die nicht teurer sind und die eine Platzierung erlauben, an Orten, wo wir mit weniger aktuellen Medien niemals verkaufen könnten. Aber ich frage mich: warum gab es keine Erschütterung an Debatten in den Medien und Verbreitungen mit Bezug zu Duaba? Es hat sie nicht gegeben. Wir machen Kommentare, es gefiel uns, aber in den Medien erscheint nichts, von dem was wir gesagt haben, oder kritische Meinungen, die Defekte oder Mängel aufzeigen. Oder dass man vor hätte Duaba nachzueifern. Es geht nicht darum, etwas gleiches zu machen, sondern anzuregen, dass uns kreative Initiativen wie diese einfallen und dass wir sie realisieren.

Sie haben ein Beispiel gegeben, wie man Kreativität und Verwegenheit, mit großem Fleiß kombinieren kann, und Nutzen aus jenem ziehen kann, was unmöglich erscheint. Mit zwei Schauspielern, die aktive Offiziere der Streitkräfte sind und die niemals eine Rolle gespielt hatten, von denen einer Protagonist ist, Militärs, welche die Truppen beider Kontrahenten stellen und einem Helikopter der FAR [Fuerzas Armadas Revolucionarias], eine Regie, die außergewöhnlich sein muss, damit unter diesen Bedingungen ein Erfolg erzielt werden kann, ein Kollektiv von Künstlern und Technikern, die es verstanden, sich ohne Zierereien in diese Arbeit einzubringen, die wieder zu einem Stamm wurden und schlicht am Hang eines Hügels feierten, am Tag an dem die Dreharbeiten beendet wurden. Ich sage nichts weiter, ich habe nicht die Fähigkeiten eines Kritikers. Aber gab es denn angesichts Duaba nicht viel zu erzählen, zu bewerten, zu diskutieren?Ja, ich möchte auf den optimalen Umgang aufmerksam machen, den die Serie für ein komplexes, aber lebendiges Thema, wie jenes der Hegemonie, gewählt hatte. Bei vielen Möglichkeiten, werde ich dies an einer einzigen Szene darstellen. Die bescheidensten Leute aus dem Gebiet, wo Maceo und seine Kampfgefährten landeten, wurden militärisch gegen die Expeditionäre mobilisiert und kämpften viel effizienter als die Spanier gegen ihre Landsleute. Sie bezeichneten sich als Die Indianer von Yateras und waren aufgrund ihrer Gefühle dem spanischen König gehorsam, von dem sie annahmen, er wäre der Schutzherr der Indianer gegen die Gewaltexzesse der Herren Kubas gewesen. Dies war der Glaube dieser armen Bauern, welche eine ethnische Identität besaßen. Sie fühlten sich unterstützt durch das Wohlwollen Seiner Hispanischen Majestät und sie warfen sich gegen Ihre Landsleute in den Kampf, mit Mut und mit der meisterhaften Beherrschung des Terrains. Erinnert ihr Euch an die Reaktion jenes “Indianers”, als man ihm den Tod des Mambí-Generals Flor Crombet zuschrieb? Der Greis, der nicht möchte, dass seine Interviewer in den 30ger Jahren ihn portraitieren (vielleicht, damit sie ihm nicht die Seele stehlen). Mit aufrichtiger Freude springt und schreit dieser Mann und lässt die Jungfrau und Spanien hochleben, als man ihm beweißt, dass sie Flor getötet haben.Wenn wir diese Lektionen der Geschichte nicht lernen, werden wir verloren sein, wisst ihr das? Ganz besonders die, welche sich als Repräsentanten der einfachen Leute sehen, ohne zu wissen, wer sie sind, ohne jemals mit ihnen gelebt zu haben. Es hat eine unvergleichlich stärkere Kraft, dieser Teil der Menschheitsgeschichte, da man erfährt, dass es in Wahrheit ein “Indianer”-Junge war, der Neffe des Beschuldigten, der Flor in jenem Kampf getötet hat. Und man erfährt, dass die Revolution ihm den Weg geleuchtet hat und er sich ihr einen Monat später anschloss. Ich habe das im Buch von Roloff nachgelesen und fand seinen Namen und sein Regiment: er erhob sich im Mai 1895 und kam aus dem Krieg im Rang eines Oberleutnant. Der Junge zog im April gegen die Mambíses, weil sein Onkel ihn bat, ihm zu folgen. Als ich noch sehr klein war, gab es in Kuba immer noch Jugendliche, die mit ihren Verwandten gingen und zu Banditen wurden; sie hätten Revolutionäre sein können oder nicht gegen die Revolution kämpfen [müssen], die gekommen war, um sie zu befreien. Diejenigen, die seit 50 Jahren als Banditen in Kuba kämpften, waren arm, den Großteil bildeten Bauern und Feldarbeiter: die Reichen gingen in die Vereinigten Staaten um abzuwarten. Es war schrecklich. Dies sind Lehrstücke, es sind Dinge, die man lernen kann.Vor einer Weile habe ich die niedrige Qualität des Geschichtsunterricht in Kuba erwähnt. Warum macht man sich nicht Duaba zunutze, um in den Medien die große Differenz zwischen Serie und Geschichtsunterricht herauszustellen? Ich hatte einen mir sehr geliebten Kollegen, José Tabares, ein großer kubanischer Historiker, dem sein Enkel, Schüler der Sekundarstufe, einmal fragte: “Opa, ich komme nicht, damit du mir die Dinge erklärst, wie sie waren, ich weiß, dass du recht hast, aber ich will sie nicht hören. Was ich will ist, dass du mir erklärst, was ich auf diese Fragen antworten muss, die ich mitgebracht habe, damit ich das Examen bestehe”. Soll heißen, wenn diese großen Gegensätze bestehen, warum tun die Medien so, als ob sie nicht existieren?

Aber die positive Antwort kann nicht nur Kritik sein. Man muss versuchen, den Lehrern und Lehrerinnen dabei zu helfen, es zu schaffen. Sie sind sehr aufopferungsvoll und noch immer wird ihr Gehalt nicht angehoben. Und das Bildungssystem ist voller Menschen mit Fähigkeiten und Erfüllungswünschen: man muss helfen.

Ich bin der Meinung, das wir Intellektuellen in der aktuellen Situation die Pflicht haben, am Bildungssystem zu partizipieren und unseren Beitrag anzubieten und auch an den Medien teilzuhaben. Es hat eine lange Geschichte gegeben, des Unterbindens und Behinderns dessen was wir tun, aber nun ist es Zeit, dass diese Situation endet. Wir müssen uns anbieten und wenn nötig Druck ausüben, damit etwas geschieht. Man schenkt uns mehr Aufmerksamkeit, wenn wir protestieren. Ich weiß, dass es schwer ist; mir ist es mehr als einmal passiert, dass mich ein intelligentes und taffes Mädchen interviewt und bei der Antwort auf eine Frage erkläre ich ihr: “sie werden dich das nicht veröffentlichen lassen”. Und mir gefällt es, wenn sie mir sagen “oh doch, Sie werden schon sehen”, auch wenn sie es doch nicht schaffen. Aber heute kommt schon mehr heraus als damals und es bleibt die digitale Variante, wo alles herauskommt. Klar ist es schwer, aber alle wichtigen Dinge sind schwer.

Na los, nutzen wir die wenige Zeit, die bleibt, damit ihr zu Wort kommt.

Fragen des Auditoriums

Haniel: Welche Aktionen sollte die UJC [Union de Joven Communistas] Heute unternehmen, damit sie wieder die politische Avantgarde unserer Generation wird, die der heutigen Jugend? Mein Eindruck ist es, dass die UJC aufgehört hat, Avantgarde zu sein, um sich in ein Schema zu verwandeln, in etwas starres, dass sich nicht entwickelt.

Wie soll man handeln, wenn man daran geht, die kulturelle Dürftigkeit der heutigen Jugend zu retten, belagert von der Kulturindustrie, die exakt auf die Ideologie anspricht, die sie bekämpft? Heute gibt es kulturellen Mangel in unserer Generation, in den Hörsälen. Und wir schauen weiter La Voz Kids, Nuestra Belleza Latina…

Wie beunruhigend die Verdrossenheit der kulturellen Bildung der kubanischen Bevölkerung von Heute, und die Tendenz, die ökonomischen Fachausdrücke zum fast einzigen Alltagsgespräch zu machen? Heute sprechen die Leute von der monetären Dualität, von ökonomischen Begriffen, und wir entfernen uns von unserer kulturellen Bildung. Die Leute interessieren sich nicht mehr, ein Buch zu lesen, gute Musik zu hören oder ein gutes Bild zu betrachten. Einschließlich des Studiums unserer Geschichte, zu wissen, woher wir kommen, sondern sie fokussieren auf das Geld.

Die Tendenz des Comeback des kleinen Privateigentums, der Arbeit auf eigene Rechnung, unter anderen Mechanismen, die dem kapitalistischen Markt eigen sind, bringt sie nicht die Entstehung der Kapitalismus-eigenen Werte mit sich, den Individualismus, die Tendenz zur generalisierten Rechten in der heutigen Jugend?

Niurka: Wir hatten die Gelegenheit, uns mit den Machern von Duaba zu treffen. Und ich habe eine Idee davon bekommen, dass Duaba durch den Wunsch entstand, eine Serie zu machen, die der Geschichte auf eine andere Art Tribut zollt, die die kubanische Geschichte auf eine andere Weise erzählt, mit Kuriositäten, die kaum bekannt sind. Dieses Duaba war etwas praktisch nie dagewesenes, zumindest für uns Jüngere. Es gab vieles, was wir nicht wussten. Und hier komme ich auf den Geschichtsunterricht in Kuba zu sprechen. Tatsächlich erfüllt er heute nicht die Erwartungen, besonders die der jungen Universitätsstudenten. Wir kommen im ersten Jahr hier an und sie unterrichten weiter die Geschichte, die wir in der Fünften, Sechsten [Klasse] und der ganzen Sekundarstufe lernten. Das haben wir schon kritisiert, auf dem Kongress der FEU [Federacion Estudiantil Universitaria] haben wir dies auch kritisiert und ich glaube man sollte etwas mehr für die Verbesserung in der Unterrichtung dieses Fachs unternehmen. Wir haben mit einer Professorin, die uns im Rahmen des “Dialog der Generationen” besuchte, über neue Dinge gesprochen, über Kuriositäten in allen Kriegen, die es in unserer Geschichte gegeben hat, was kaum bekannte Dinge sind, und was uns vielleicht etwas mehr vermittelt, als zu wiederholen, was wir schon in fünf vorangegangenen Kursen gelernt haben, ich meine die Grundschule und die Sekundarstufe. Was auch eine Rolle spielt, und wir haben das zu allen Gelegenheiten kritisiert, wir sind schlecht darin Fernsehen zu machen, wir haben vielleicht keinen definierten Weg, um das Fernsehen zu verbessern, wie wir die Jugend besser erreichen, das sie erreicht, was wir ihnen nahe bringen wollen. Heute wächst die Jugend mit La Voz Kids, den Serien, Nuestra Belleza Latina auf. Und es geht mir nicht darum, dass ich sie als banal einstufe, sondern dass Dinge gemacht werden müssen, die einen wirklich zur kulturellen Entwicklung beitragen, etwas mit mehr Gewicht; das Fernsehen besser zu machen, als Heute.

Professor: Wir haben keinen Zweifel daran, dass das ökonomische Problem irgendwann gelöst werden wird. Aber ich glaube, dass die Achillesferse das Thema der Kultur ist. Denn wir können uns ökonomisch retten, und kulturell die Revolution verlieren. Die Revolution ist keine ökonomische Angelegenheit, mehr als eine ökonomische, ist sie eine kulturelle Angelegenheit, wenn wir diesen Blickwinkel verlieren, können wir alles über den Haufen werfen [trastocar], was wir auf dem ökonomischen Gebiet tun. Ich habe das Gefühl, die Angst, dass wir bei allem Drang, das Land ökonomisch zu verbessern, den kulturellen Aspekt ein wenig vernachlässigen. Und dort muss sich das Zentrum der Debatte der Intellektuellen befinden. Man muss hingehen zur Jugend, mit ihnen Reden, hören, was sie sagen, was sie sehen, was sie fühlen. Damit wir gemeinsam ein Bewußtsein darüber schaffen, was wir als Sozialismus haben wollen. Was bedeutet es, Revolutionär des 21. Jahrhunderts zu sein? Das ist wichtig für die Jugend. Was bedeutet Revolutionär zu sein für die heutige Jugend, in der UCI, in der Hauptstadt? Wie sollte sich ein Jugendlicher konzipieren? Wie ihr in den 60ern, als das Kritische Denken den Ton angab, oder anders?

Andere nicht besprochene Fragen während des Austausches:

Nairovin: Wie sollen wir die Herausforderungen angehen, die in Verbindung mit Rassenungleichheit in unserem Land stehen?  Woran liegt das niedrige Niveau von ökonomischem Erwerb oder die Armut, welche in der schwarzen Bevölkerung Kubas zu beobachten ist?

Juan Manuel: Welche integrale Strategie können wir entfalten, damit der subjektive Faktor vorherrschend ist und damit die Menschen in der Lage wären, den harten objektiven Bedingungen zu widerstehen?

Fernando Martínez Heredia: Jetzt können wir nicht mehr zu irgendeinem Marxismus zurückkehren. Ich kann nicht zum dogmatischen Marxismus des Gehorchens, des Legitimierens, des Klassifizierens, des Austeilens von Prämien und Strafen zurückkehren. Es ist notwendig den ganzen Marxismus kritisch anzunehmen, die ganze Geschichte des Marxismus.

Bei dieser großen Aufgabe, beachtet Karl Marx sehr, den er verdient es. Er schrieb zum Beispiel, in den Fundamenten der Politischen Ökonomie – das Buch, welches auf Deutsch Grundrisse heißt -, dass man erreichen muss, dass die Arbeitszeit nicht [mehr] die Maßeinheit der Ökonomie darstellt. Der große Denker der diese Idee in seiner Theorie zur kapitalistischen Produktionsweise darlegte, postulierte die Notwendigkeit, dass während des Übergangs zum Kommunismus erreicht wird, dass die Arbeitszeit aufhört, das Maß zu sein und dass eine der Charakteristiken des Kommunismus es wäre, dies zu erreichen. Er warf auch auf, dass die Zeit zum Spielen dann wichtiger würde, als die Zeit zum Arbeiten. Es ist besser, Marx zu beachten. Übrigens, wisst ihr, dass er einen Schwiegersohn aus Santiago hatte; Pablo Lafargue, er schrieb eine Broschüre, die wir nicht vergessen sollten, “Das Lob auf die Faulheit”. Er war der größte Verbreiter der Ideen seines Schwiegervaters in Frankreich und der erste französische Sozialist, der zum Abgeordneten gewählt wurde. Wisst ihr, was er in die Urkunde bei seinem Amtsantritts schrieb?: “Paul Lafargue. Mulâtre Cubain”. Kubanischer Mulate schrieb er zu Füßen seiner Unterschrift.

Ich habe mich nur kurz bei dir aufgehalten und schon die ganze Zeit genutzt, die ich hatte. Praktisch die komplette UJC hat sich formalisiert, aber ich hatte im letzen Dezember die Befriedigung und das Glück – es passieren einem die tollsten Sachen -, zum ersten Mal bei einem Weltfestival der Jugend und Studenten [Festival Mundial de la Juventud y los Estudiantes] dabei zu sein. Am Ende meiner Tage, aber ich hatte sehr viel Spaß. Und ich war sehr glücklich zu sehen, dass die Genossen der UJC sich im Klaren über die Dinge waren und sie ändern wollten und aus der Organisation eine lebendige und starke Sache machen wollten. Und ich sagte zu mir: “gut, wir werden sehen. Lassen wir uns nicht von Vorurteilen tragen, schließen wir uns an und gehen wir voran…” Die FEU bat mich zu einer Sitzung während ihrer Nationalratsversammlung, am letzten Sonntag im Januar. Sie sagten zu mir: “Profe (sie sagen “profe”, um das Alter zu überspielen), komm mit harscher Kritik”. Und das habe ich getan. Ich sagte ihnen: “Schauen wir uns das Land an, die Universitäten und eure Organisationen, diese drei Dinge”. Und sie waren wunderbar, mit der Tiefe und Aufrichtigkeit ihrer Teilnahme, mit dem was sie wollten, was sie suchten.

Dieses Land hat ein politisches Bewusstsein auf Weltrekordniveau und sehr hohe Niveaus an Schulbildung und spezialisiertem Wissen. Die Rektorin Miriam hat es gesagt: was machen wir mit all den Graduierten der UCI? Die Verfügbarkeit von Stellen, die mit der Bildung der Graduierten korrespondieren, ist minimal. Das bedeutet, dass der größte Reichtum Kubas in den Menschen liegt, die es gebildet hat und bildet, und nicht in den materiellen Mitteln über die es verfügt. Aber das ist kein Grund zum weinen, sondern zum Handeln. Die Rektorin ist sich bezüglich der Implikationen dieser Situation bewusst, auch der negativen, das scheint mir ein positiver Indikator zu sein. Wenn wir uns der Probleme und Unzulänglichkeiten bewusst sind, wenn sie uns schmerzen, fangen wir bereits an uns ihnen zu stellen und schreiten voran zur Möglichkeit, sie zu lösen.

Die Zeit ist vorbei. Ich würde gerne abschließen, mit der Erinnerung an eine der zahlreichen Aktivitäten in kubanischen Universitäten, bei denen ich das Glück hatte dabei zu sein. Sie helfen mir sehr und geben mir Leben, ich wünschte, sie würden auch in Arbeitszentren der Industrie und Agrarkultur stattfinden, dass wiedereinmal die Handarbeiter eine starke Macht haben, heute haben sie es nicht. Ich war in der Universidad Central de Las Villas zum Reden und Debattieren eingeladen, bei einer wöchentlichen Aktivität der FEU, immer Mittwochs Nacht, die sich Aula 14 nennt. Man bat mich über die Studenten in revolutionären Kämpfen des 20. Jahrhunderts zu sprechen. Das habe ich getan, aber ich wusste, dass sie die Diskussion auf die Aktualität bringen wollten. Ich beendete meinen Vortrag und sagte zu ihnen: “jetzt redet ihr”. Einer sagte: “Profe, das Problem ist, dass bei Ihnen alles sehr klar war, weil Sie wussten, wer Sie waren und wer der Feind war. Aber wir nicht.” Ich sagte ihnen, dass dies ein großer Fortschritt ist, weil sie sich über etwas wichtiges im Klaren geworden sind. Jetzt ist es schwieriger zu wissen, wer wir sind und wer der Feind ist, aber wenn wir uns des Problems bewusst sind, sind wir gerettet. Danach gab es einige gute Einwürfe, aber ich habe nicht vergessen, als ein Student sich an seine Kommilitonen wendete: “Schaut, ich habe über all das nachgedacht, was wir diskutiert haben und bin zu einem Schluss gekommen. Wir, die Jugend von Heute, müssen wieder den gepanzerten Zug einnehmen”.

Dies war keine poetische Frase, er hatte recht. Man muss wieder den gepanzerten Zug einnehmen. Natürlich ist es nicht mehr so, wie es die Rebellen der 8. Kolonne taten, es ist eine andere Art. Es ist ein anderer Panzerzug. Du musst ihn identifizieren, du musst sehen wie, musst dich vorbereiten, und du musst ihn einnehmen.

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