Vivir en un país “normal” – Leben in einem “normalen” Land

Ana María Radaelli, Schriftstellerin und Journalistin, geboren in Buenos Aires, Argentinien, studierte Journalismus in Paris, lebt seit 45 Jahren in Kuba.

Es folgt meine Übersetzung Ihres Artikels “Vivir en un país ‘normal’ “:


Namenlose Schreiberlinge und bekannte Schreiber, Kasperle und sehr aufgeklärte Narren des hemmungslosen Konsumismus des globalisierten Kapitalismus, um es mit Frey Betto zu sagen, reihen sich ein, um bis zum Erbrechen einen kleinen Satz ständig zu wiederholen, der ganz und gar nichts Unschuldiges an sich hat: „Ich wünschte, dass Kuba ein normales Land wäre“. „Ich würde gerne in einem normalen Land leben und Kuba ist es nicht“, und seufzend „Ich sehne mich nach Normalität. Ein Land, dass normal wäre“, und drängend „Kuba muss endlich normal werden!“Lasst mich euch erzählen, dass ich in einem Land geboren bin, dass scheinbar vollkommen normal ist. Ich habe zum Beispiel ein Bild von Buenos Aires, genau gesagt die Plaza de Mayo, an meinen 15. Geburtstag, mit unübertrefflicher Schärfe in Erinnerung behalten, die am frühen Morgen bombardiert wurde, von dem zerfetzten Omnibus, mit seinen zerfetzten Fahrgästen, von der Befreiungsrevolution und ihrem „Es lebe Christus der König!“, „Wir werden siegen!“, an der Spitze der Panzer und Bajonette, die gewissenhaft die Erschießungen und Erschossenen in den Ödland- und Müllkippensiedlungen verschwieg, eine große Massaker-Operation, wie eine Präambel für das Land, was sich danach entwickeln würde.

Das Land des Staatsstreichs von 1976 und seinen 30 000 Verschwundenen, ein Land der Angst und Vertreibung, des Bremsens eines Ford Falcon in den Nächten der Jagd, der Brunnen und chupaderos und heimlichen Schwangerschaften und gestohlenen Babys und Todesflüge und zahlenlosen anonymen Gräbern und Operation Cóndor … Ein sorgfältig gesäubertes Land, wie viele andere, für die Inthronisation Seiner Königlichen Hoheit: die Gesellschaft des neoliberalen Marktes. Und so ist es uns ergangen.

Lasst mich euch auch erzählen, dass ich 1969 nach Kuba kam, und ein Land vorfand, strahlend vor Surrealismus. Und der jungen Sozialistischen Revolution blieb kein anderer Weg, als all seine Kräfte, die nicht gering waren, und seine Ökonomie, welche mager war – die Blockade zeigte richtete bereits Unheil an -, darauf zu richten, das Eroberte zu verteidigen, wofür im Gebirge und in den Ebenen mit vergossenem Blut bezahlt worden war, während ich mich, bescheuerterweise , nach einer Tasse Kaffee mit Milch und einem Stück Brot mit Butter zum Frühstück sehnte, was für eine Verrücktheit.

Allein im Jahr meiner Ankunft, wurden folgende terroristische Akte aufgedeckt: Brand im Gewerbezentrum von Pina, Morón, in der Provinz Camagüey; die Urheber wurden verhaftet. Explosion einer nordamerikanischen Splittergranate in einem Haus, wo man den Konterrevolutionär Alejandro Blay Martínez fand, der Pläne gegen die Zuckerernte von 1970 vorbereitete. Das Geschehene führte zum Tod von drei Kindern und einem Verletzen. Die Infiltrierung der Provinz Oriente, durch verschiedene CIA-Agenten, angeführt durch Amancio Mosquera, alias Yarey, welcher gefangen genommen wurde. Explosion einer Bombe vor dem Generalkonsulat Kubas in Montreal, Kanada. Entführung eines Flugzeuges MIG-17, welches auf dem Flughafen Homestead in Florida landete. Im Folgejahr, 1970, verschärften sich die Sabotagen im Zucker-Sektor, kam es zu weiteren Landungen von Söldnern, vervielfältigten sich die Angriffe auf und Entführungen von Fischern samt ihren Booten … die vollständige Aufzählung wäre lang. Und die Angriffe gingen weiter, gehen weiter, wiederholen sich, verändern die Szenerie, jetzt ist sie digital, aber das Drehbuch bleibt das gleiche!

Letztlich ist seit damals bis zum heutigen Tage, mein Leben, so wie das von allen Kubanern, unter dem Zeichen der Bedrängnis ohne Waffenruhe verlaufen und ohne Pause der kriminellen Aggression. Es häufte sich trotzdem etwas an, das der Nostalgie sehr ähnlich ist, aus jenen Jahren des Aufbruchs, als die nicht endenden Wachdienste und freiwillige Arbeit auf dem Land oder im Bau und die Mobilisierungen und Einberufungen zum Platz zu Fidel, mit Jubel die gemeinsame Liebe und unerschütterlichen Grundsätze bestätigten, obwohl wir nur zweimal Kleidung zum Wechseln hatten und Milchkaffee und Butterbrot nicht einmal mehr eine Erinnerung waren.

Aber zurück zum Thema. In Einem kann ich Gewissheit haben: ich hatte Glück, an diesem Ufer geboren zu sein und bei aller Ehre, will ich nicht in einem Land der Ersten Welt leben, wo das Normale bedeutet, dass zum Beispiel die Rechtsextreme die Urnen zerstört und der alltägliche Faschismus ihre Achtung untergräbt, wo die Immigranten von ihren ausgebeuteten Exkolonien, wie Bestien behandelt werden, wo Arbeitslosigkeit und Räumungen die Misere von Tausenden und Abertausenden Menschen verschlimmern, welche oft den Ausweg im Selbstmord suchen, während Drogen und Gewalt jeden Tag kränkere Gesellschaften generieren.

Ich will auch nicht in einem der „normalen“ Länder der Dritten Welt leben, denen der IMF seine Politik des Hungers und der Misere aufzwingt, mit ihren Hauptstädten voller gläserner Türme, Boutiquen und deliranten Einkaufszentren, monströsen Hypermärkten und Nacht-Clubs und Jet-Set-Schickeria und Jockey Club und fürstlichen Restaurants und Limousinen und Countries und geschlossene Erbgemeinschaften und Magnaten- und Manager-City, wenige Schritte neben den Hunger- und Kältetoten, den dürren, schmutzigen und lumpigen Jungs, barfuß, auch mitten im Winter, die im Müll etwas zu essen suchen, Städte mit Greisen, die sich zusammendrängen, um sich etwas zu wärmen und einsame Männer, verlassene Kinder oder Frauen mit Kindern mit in Zeitungspapier gewickelten Armen, in Vorhallen und auf Gehwegen schlafend, schutzlos, verzweifelt, vorgealterte Kinder, versklavt in der Landwirtschaft oder Textilindustrie oder sexuell; „normale“ Länder, wo die Abholzung der Urwälder die Völker ihres wertvollsten Gutes beraubt: der Boden, welchen die Sojaisierung Monsantos vergiftet, mit der schrecklichen Folge tödlicher Krankheiten, wie Krebs zum Beispiel, oder wo der Tagebau eine Spur der Zerstörung und des Todes hinterläßt. Und sehr viel weniger in den Ex-Staaten des schönen Europas, deren Regierungen auf das Niveau von Konsulaten der Gringos gefallen sind.

Ich will in einem so „unnormalen“ Land leben, wie jenes, das vor mehr als 50 Jahren die erste Kulturrevolution in Lateinamerika durchgeführt hat, welche die Alphabetisierung in Gang brachte und bis heute Zehntausende von kubanischen Lehrern und Ärzten in die Welt entsendet, um Wissen und Leben zu verbreiten und nicht Kugeln und Bomben. So „anormal“ als dass es sich den Luxus gönnt, eine Schule mit eigenen Lehrer und eigenem Computer inmitten eines schwer zugänglichen Gebirges einzurichten … für ein einzelnes Kind, ganz egal ob es schwarz oder weiß ist. Gar so „anormal“, dass es nicht ein einziges Autoputzerkind hat, welches hungernd und zerlumpt, an irgendeiner Ampel sein Leben für eine Münze aufs Spiel setzt.

Ein so „anormales“ Land, dass es eine niedrigere Kindersterblichkeitsrate als die der Vereinigten Staaten hat, dass es Herz- oder Nierentransplantationen oder Dialysetherapie gewährleistet, ohne auch nur einen Cent zu verlangen und selbstverständlich erst recht ohne Ansehen der Ideologie, Religion oder Rasse.

So „anormal“, als dass es uns glauben macht, an zahllosen Beispielen, dass wir alle die Protagonisten unserer eigenen Geschichte sind. Von welcher „Normalität“ sprechen wir? Diesbezüglich schreibt der kubanische Intelektuelle Enrique Ubieta: „Wenn sie sagen, wir sollten normal sein, was wollen sie damit ausdrücken? Das Normale in der Welt ist der Konsumismus, das Normale in der Welt sind die wilden Gesetze des Marktes und ich will nicht normal sein. Ich würde nicht wollen, dass sich dieses Land zurückentwickelt. Ich glaube an den großen Gewinn Kubas, dass es nicht normal ist, in einer Welt in der soziale Ungerechtigkeit und Gleichgültigkeit als normal gelten.“

Für seinen Teil sagt Fernando Martínez Heredia, Nationalpreisträger der Sozialwissenschaften, zu diesem Thema: „Im Grunde genommen ist diese vermeintliche Normalität, jene des Lebens und der gesellschaftlichen Verhältnisse, welche vor der Revolution bestimmend waren. Dies ist es, was der soziale Konservativismus im Kuba von Heute anstrebt: dass wir zum Normalen zurückkehren und dass ein jeder zu seinem Platz zurückkehrt. Das bedeutet, dass die Gesellschaft, die wir aufgebaut haben, sich suizidieren würde.“

Vor Kurzem schrieb ich: Gemeinsam mit diesem Volk habe ich glückliche und trauervolle Momente erlebt, Agressionen und Blockaden, biologische Kriegsführung, schreckliche Streiche von Mutter Natur und eine Sonderperiode ertragen, die ein jeder mit sich trägt wie auf die Haut genäht, so hart, grausam, oftmals hoffnungslos, wie sie war, die das Beste wie auch das Schlechteste aus uns herausholte. Überlebt zu haben, die Errungenschaften der Revolution beschützend, ist für Viele der größte Stolz. Ich sage es ganz aufrecht: Ich kenne keine Gesellschaft, die zu vergleichbar Heldenhaftem fähig wäre.

Wäre es etwa nicht Selbstmord, so viel Großtat einfach aufzugeben?

Denn es ist gewiss, dass es nichts anderes ist, was der Feind verlangt. Ein kollektiver Selbstmord. Die Einäscherung unserer Träume, die Opferung unserer Souveränität, welche aus Kuba ein Beispiel für Mut und Verwegenheit macht. Das Auslöschen der Erinnerung mutiert uns zu Zombies, auf dass wir wieder ein „normales“ Land werden. Wie Puerto Rico, zum Beispiel?

Dialogar, dialogar

Ana María Radaelli

Oscuros amanuenses y escribientes de nombradía, tontos de capirote y muy ilustrados aspirantes al consumismo incontinente del capitalismo globocolonizador, al decir de Frey Betto, se dan la mano para repetir hasta el hartazgo una frasecita que de inocente nada tiene: “Me gustaría que Cuba fuera un país normal”. “Yo quiero vivir en un país normal, y Cuba no lo es”, ya suspirando “Anhelo la normalidad. Un país que sea normal”, ya perentorios: ¡“Cuba tiene que acabar de ser normal”!

Déjenme contarles que yo nací en un país al parecer del todo normal. Guardo, por ejemplo, de mi cumpleaños número quince, con inmejorable nitidez, la imagen de Buenos Aires, Plaza de Mayo, para ser exacta, bombardeada en plena mañana, de ómnibus destripados con su gente adentro destripada, la de la Revolución Libertadora y su ¡Viva Cristo Rey!, ¡Venceremos!, a punta de tanques y bayoneta, la que ocultaba prolijamente…

Ver la entrada original 1.263 palabras más

Anuncios

Kommentar verfassen - escribe un comentarío

Introduce tus datos o haz clic en un icono para iniciar sesión:

Logo de WordPress.com

Estás comentando usando tu cuenta de WordPress.com. Cerrar sesión / Cambiar )

Imagen de Twitter

Estás comentando usando tu cuenta de Twitter. Cerrar sesión / Cambiar )

Foto de Facebook

Estás comentando usando tu cuenta de Facebook. Cerrar sesión / Cambiar )

Google+ photo

Estás comentando usando tu cuenta de Google+. Cerrar sesión / Cambiar )

Conectando a %s