Rebellion

Sobald wir laufen können, laufen wir weg. Sobald wir sprechen können, geben wir Widerworte.

In meinem Artikel über den freien Willen schrieb ich schon, dass Willensbildung immer das Abwägen zwischen Trieben und Ideen ist. Infantiler Wille ist – bei Fehlen von Ideen – daher triebgesteuert. Das führt oft zum Konflikt mit der Umwelt, weil das Ausleben der Triebe sozialen Konventionen entgegensteht. Durch Erziehung wird dem heranwachsenden Kind ein Konzept von richtigem und falschem Handeln gegeben.

In der Adoleszenz …

werden die Konventionen aufgebrochen. Nicht immer aus rationalen Gründen, meistens um des Aufbrechens willen. Im Grunde geht es dem/der Adoleszenten um das Demonstrieren einer Selbstbehauptung. Sie/er möchte die alte Rolle des Kindes so schnell wie möglich loswerden, weil sie nicht mehr in das neu gefundene Selbstbild passt. Dieses neue Bild ist das Bild eines/einer praktisch Erwachsenen, welche/r durch das Erreichen der Geschlechtsreife nun selbst Kinder zeugen kann. Die gesellschaftliche Rolle des Erwachsenen umfasst aber – anders als die biologische – auch die Fähigkeit für sich selbst und (!) seine Nachkommen zu sorgen. Es ist eigentlich nicht nur eine Rolle: der/die Erwachsene muss jeden Tag seinen verschiedenen Rollen im gesellschaftlichen Gefüge gerecht werden. Als Lohnarbeiter oder Chef, Mutter, Vater, Mieter oder Hausbesitzer … jede Rolle stellt ihre spezifischen Anforderungen an das Individuum. Die Frustration des Adoleszenten, welche aus seinem Drang nach Unabhängigkeit und seinem Unvermögen schon unabhängig zu sein erwächst, führt zur Rebellion gegen die Vormünder. Konventionen werden abgelehnt und besonders, wo sie nicht rational begründet sind, wird erbittert gegen sie gekämpft.

Im Laufe des Lebens…

kommt zur geschlechtlichen Reife auch mentale Reifung, die aber niemals ein Ende hat. So lernen wir alle, jeden Tag die Mechanismen des gesellschaftlichen Zusammenlebens und – was noch viel tiefgreifender im wahrsten Sinne des Wortes ist – die Mechanismen und Phänomene unseres SELBST. Eine Erfahrung, welche die meisten Menschen machen, ist, dass die Anpassung an gesellschaftliche Konventionen einen Vorteil für die persönliche Entwicklung innerhalb der Gesellschaft bedeutet. Doch ist es unvermeidlich, dass es früher oder später zu eklatanten Widersprüchen zwischen dem eigenen moralisch-ideellen Konzept und der gelebten gesellschaftlichen Angepasstheit kommt. Selbstverständlich gibt es nicht DIE Moral. Der moralische “Überbau” eines Menschen wandelt sich, gemäß seiner Wahrnehmung und Erkenntnisse. Dieser Wandel betrifft aber die gesamte Gesellschaft. Menschen mit gesellschaftlich differenter Wahrnehmung oder Erkenntnis bewegen sich daher zum gesellschaftlichen Rand.

In Harald Welzers Buch “SELBST DENKEN” wird u.a. der Umstand der kognitiven Dissonanz untersucht. Dies ist ein von Leon Festinger beschriebenes Phänomen menschlicher Psyche, wo in Situationen, in denen ein Widerspruch zwischen Wirklichkeit und Überzeugung besteht, eine Anpassung der Wahrnehmung stattfindet, um diesen Widerspruch zu lösen. So schreibt Welzer:

Moralische Überzeugungen sind nicht handlungsleitend, sondern geben uns eine Richtschnur dafür, welche Begründung dafür geeignet ist, eine falsche Handlung mit einem richtigen Bewusstsein in Deckung zu bringen.

Welzer stellt fest, dass dieses psychosoziale Phänomen für einen höchst flexiblen Subjekttypus steht, welcher mit der funktionellen Differenzierung arbeitsteiliger Gesellschaften entstanden ist.

Die Rebellion,…

also der offene Widerstand gegen die inneren Widersprüche der Gesellschaft, erscheint vor dem Hintergrund der Angepasstheit als Risiko. Es ist jedoch zu beobachten, dass das Aushalten der Widersprüche nur zu immer größeren Widersprüchen führt. Die Inzidenz psychischer Erkrankungen in unseren hochdifferenziert arbeitsteiligen Gesellschaften ist ein Anzeichen, dass kognitive Dissonanz mit Verschleiß einhergeht. Wollen wir hoffen, dass der Faden bald reißt.

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